Von Hannover transportierte uns und unsere beiden Pedelecs der ICE nach München Hbf, auf dem wir eine kleine Wanderung durch die riesige Baustelle unternehmen mussten, um zu den Nebenbahnsteigen zu gelangen. Von dort nahm uns der RE nach Lindau bis nach Wangen mit, was etwas mehr als 2 h dauerte. Mit Umsteigezeiten waren wir also 8 h unterwegs.
Wangen ist ein Kleinod unter den mittelalterlichen Städten: in der Altstadt kaum zerstört und wenig architektonisch verbaut, umgeben von der Stadtmauer, direkt an die Obere Argen angrenzend, an der mit der Landesgartenschau 2024 ein flussbegleitendes Areal gegliedert und gestaltet worden ist.




Wangen liegt an mehreren Radfernwegen:
- Radrunde Allgäu, Erlebnisraum Heimatstätten bzw. Etappe 4 (von Kißlegg über Wangen nach Isny)
- Donau-Bodensee-Radweg (von Ulm nach Kressbronn)
- Oberschwaben-Allgäu-Radweg (von Isny nach Wangen)
- Allgäuer Käsestraße, Tour 1: Großes KäseGlück
Donnerstag, 30.04.2026: von Wangen nach Isny und zurück über Eglofs (56 km, ca. 650 Hm)
Bei herrlichem Sonnenschein starteten wir auf unsere erste Tagesetappe, die von Wangen aus mit einem Bogen über Ratzenried in Richtung Osten führt und im eindrucksvollen Städtchen Isny ihren Wendepunkt erreicht. Die Route verläuft bis Siggen weitgehend auf dem Rundkurs „Alpenvorfreude„.

Schon bald nach Verlassen der städtischen Siedlungsfläche führt die Route durch die hier sehr hügelige Wiesenlandschaft und lässt im Süden die Alpenkette betrachten.









Die Heumahd hat in diesem Jahr wohl noch etwas früher begonnen, so dass vielleicht die Hälfe der Wiesenflächen bereits in geschorenem Grün dalag, nicht selten mit noch aufzunehmendem Mahdgut, ab und an mit Traktoren befahren, die mehr oder minder breite Mähwerke nutzen, was für die Wiesenbrüter eine ernste Gefahr bringen kann, insbesondere wenn schnell laufende Kreiselmähwerke verwendet werden.
Immer wieder zeigen sich noch ungemähte und vermutlich weniger intensiv bewirtschaftete Wiesenflächen, auf denen das Gelb des Löwenzahn und des Hahnenfuß leuchtet und der bläuliche Günsel blüht.

Meist führt die Route über schmale Verbindungsstraßen, die sich zwischen den sog. Aussiedlerhöfen durch die hügelige Landschaft schlängeln und kaum von Kraftfahrzeugen befahren werden. Hier grenzen die Wiesenflächen direkt an die Fahrbahn.

Die Höhenmeter der Tour sind beträchtlich (ca. 580 Hm). Immer wieder geht es auf einen Hügel hinauf und bald schon wieder hinunter.

Die Aussiedlerhöfe sind meist im beginnenden 19. Jahrhundert angelegt worden, als hier im Allgäu die wenig einträgliche Ackerbauwirtschaft umgestellt wurde auf Milchwirtschaft. Die damals angelegten Verkehrswege ermöglichten den Import von anderswo günstiger erzeugtem Getreide, aber eben auch den Export von haltbaren Milchprodukten. So wurden die Rezepturen von schweizerischem Emmentaler Käse und belgischem Romadur adaptiert. Die auf Wiesenheu und Stallhaltung umgestellten bäuerlichen Betriebe konnten mit typischem Allgäuer Käse entfernte Absatzmärkte wie z.B. die Regionen um Ulm und München beliefern.
Der erste Abschnitt der Route folgt in etwa dem Verlauf der Unteren Argen, die westlich der Donau-Rhein-Wasserscheide dem Bodensee zufließt.
Von der Siggener Höhe eröffnet sich ein imposanter Ausblick über das hügelige Voralpenland auf die noch mit Schneefeldern bedeckte Alpenkette.

Isny bietet nicht nur eine schön gestaltete Altstadt mit Stadttoren, schmucken und autofreien Gassen, sondern auch ein durchgängig genutztes Design: Alle touristischen Informationen folgen dem Entwurf von Otl Aicher, der in Zusammenarbeit mit dem Stadtmarketing eine Art von Stadtgrafik geschaffen hat.






Im einstmaligen Kloster St. Georg, das nach 1806 (Mediatisierung insbes. von Klöstern beim Reichsdeputationshauptschluss 1803) zu einem feudalen Schloss des Grafen Otto von Quadt-Wykradt umgebaut worden ist, ist das Stadtmuseum untergebracht. Hier kann auch die Werkschau von Friedrich Hechelmann besucht werden. Dieser international inbesondere durch seine Buchillustrationen (z.B. für Michael Endes Momo) bekannte Künstler stammt aus Isny und hat den Umbau des als Krankenhaus genutzten Schlosses zu einem Museum initiiert und mit gestaltet.

Die Rückfahrt von Isny führt zunächst über einen guten Radweg entlang der Bundesstraße. Im zweiten Teil der Route geht es dann aber wieder über die schmalen Verbindungsstraßen durch die Wiesenlandschaft.



Freitag, 01.05.2026: von Wangen nach Kressbronn und von Lindau zurück nach Wangen (77 km, 600 Hm)
Die Route führt über den Donau-Bodensee-Radweg nach Kressbronn und weiter dann über den Bodenseeradweg nach Lindau und von Lindau über den Bodensee-Königsee-Radweg bis Hergensweiler und weiter dann nach Wangen.


Die Ausfahrt aus Wangen zum Donau-Bodensee-Radweg folgt der Oberen Argen und führt durch die Areale, die im Rahmen der Landesgartenschau geschaffen oder umgestaltet worden sind. Sehr beeindruckend, was hier an Landschaftsarchitektur und Spiel- sowie Sportarealen und Aufenthaltsbereichen entstanden ist.
Bei Niederwangen wendet sich der Radweg hinauf in die hügelige Landschaft und gibt bald schon herrliche Ausblicke auf die Alpenkette im Süden.


Der Donau-Bodensee-Radweg folgt in etwa dem Verlauf der Unteren Argen auf ihrem Weg zum Bodensee.

Neukirch ist ein kleines schmuckes Städtchen. Am Rathaus wird jedoch auf einen – nicht nur dort auftretenden – Notstand aufmerksam gemacht.



Hinter Neukirch führt die Route an einem Hopfenfeld vorbei, in dem die Pflanzen just die ersten Triebe ausgebildet hatten. Das Anbaugebiet von Tettnang ist die südlichste Hopfenregion in Deutschland. Für diese Nutzpflanze muss erheblicher Aufwand getrieben werden: Kletterdrähte werden von einem sieben Meter über den Pflanzfurchen gespannten Hetz hinuntergeführt. An diesen wachsen die gesetzten Hopfenstecklinge empor, bis diese zur Erntezeit (Ende August/Anfang September) am Boden abgeschnitten und von den Drähten heruntergerissen werden.

Der Donau-Bodensee-Radweg wendet sich dann wieder dem Tal der Argen zu, die aus dem etwas weiter nördlich gelegenen Zusammenfluss von Unterer und Oberer Argen entsteht.
Dass der wärmespeichernde Bodensee bald erreicht wird, lässt sich auch an den nunmehr anzutreffenden Obstplantagen (Kirschen und Äpfel) erschließen, die oftmals Netzüberspannungen haben und häufig mit künstlicher Bewässerung versorgt werden. An den Hängen hin zum See kommen schließlich die Rebfelder hinzu.

Kressbronn ist wie die meisten Bodenseegemeinden ein beliebter Tourismusort; entsprechend frequentiert ist die Seepromenade und der oberhalb von dieser geführte Bodenseeradweg. Die Uferpromenaden der Bodenseeorte sind für den Radverkehr gesperrt, was sofort einleuchtet, wenn an Tagen wie diesem 1. Mai viele, nein: sehr viele Radler in beiden Richtungen den beliebten Bodenseeradweg nutzen.


Die Route des Bodenseeradwegs führt im östlichen Teil auf deutscher Seite meist nicht direkt am Seeufer entlang, sondern etwas abseits davon, nur gelegentlich den Blick auf den See freigebend. Meist liegen private Ufergrundstücke dazwischen, die zu eindrucksvollen Villen oder Hotels und anderem gehören.
Lindaus Altstadt liegt auf einer Insel, die von zwei Brücken erschlossen wird. In der eindrucksvollen Altstadt sind viele Touristen unterwegs. Die gleichfalls sehenswerte Promenade mit Leuchtturm und Löwe wird von noch mehr Touristen bevölkert. Selbst das Schieben des Fahrrades wird hier zu einem schwierigen Unterfangen.


Der Bodenseeradweg führt von Lindau weiter in Richtung Bregenz. Kurz vor der österreichischen Grenze zweigt der Bodensee-Königsee-Radweg ab und führt durch das schöne Leiblachtal in Richtung Norden.

Das Leiblachtal gilt als besonders attraktive Wiesenlandschaft, durch die der Radweg auf wiederum prima Asphaltverbindungsstraßen geführt wird.

Eine Besonderheit dieses Teils des Bodensee-Königsee-Radwegs besteht darin, dass im Leiblachtal kaum größere Ortschaften durchfahren werden. Insofern fehlt es an Einkehrmöglichkeiten. Ersatz fanden wir in Hergensweiler auf dem dortigen Maifest, das die Freiwillige Feuerwehr des Ortes ausrichtete.

Hinter Hergensweiler zweigt unsere Route vom Bodensee-Königsee-Radweg in Richtung Nord-Westen ab. Auch dieser Abschnitt bis Wangen führt durch Wiesen und mit Baumhauben besetze Hügel, meist auf schmalen Verbindungssstraßen zwischen den kleinen Siedlungen.


Samstag, 02.05.2026: von Memmingen über Leutkirch nach Wangen (70 km, 600 Hm)
Um nochmals eine längere Route in Südrichtung radeln und dabei den Alpenblick genießen zu können, nahmen wir von Wangen den Zug nach Memmingen und starteten in dieser eindrucksvollen Stadt die Radtour zurück nach Wangen.

Wir durchquerten zunächst die Altstadt von Memmingen, die sehr eindrucksvoll ist und bei diesem sonnigen Wetter viele Menschen anzieht. Der Wochenmarkt am imposanten Rathaus war fast schon überfüllt. Immerhin konnten wir an dem Info-Point für die Bauernproteste von 1528 und die hier in Memmingen von ihrer Versammlung verabschiedeten 12 Artikel vorbeiradeln und uns darin bestärken, dass die Demokratie eine mühsam und mit vielen Opfern erkämpfte Errungenschaft unserer Gesellschaft ist.

In die Reste der Stadtmauer ist die neue Stadthalle hineingebaut worden, deren Architektur die Dächerlandschaft der Altstadt widerspiegeln soll.

Memmingen liegt zwar im Tal der Iller, nicht aber „an der Iller“, so dass wir das weitläufige Stadtgebiet zunächst durchqueren mussten. Die Route entlang der Iller – der Iller-Radweg – verläuft südlich von Memmingen meist in direkter Nähe zum Fluss und lässt dessen Verbauungen und Wehre einschließlich der Wasserkraftwerke betrachten.

So wird klar, dass die Iller in besonderem Maße zur Energiegewinnung genutzt wird: 13 Laufwasserkraftwerke auf einer Flusslänge von ca. 150 km. Die damit einhergehende Verengung des Flussbettes und dessen Kanalisierung soll durch einige Renaturierungsmaßnahmen (z. B. Anschluss von Altarmen, Rückverlegung von Deichen) etwas zurückgenommen werden.


Südlich von Aitrach verläuft der Iller-Radweg am Hang und nicht mehr in direkter Flussnähe. So ergeben sich Ausblicke auf die Wiesenlandschaft und gelegentlich auf die schmalen Stauseen des Flusses, im Hintergrund die Alpenkulisse.



In Illerbeuren quert die Route den Fluss und folgt in Richtung Leutkirch der Radrunde Allgäu. Auf diesem Radweg gibt es eine besondere Raststation, auf der dreifache Versorgung geboten wird. Für das physische Wohl sorgt ein Wassertretbecken, neben dem ein Gedenkstein an den aus dem Allgäuer Wörrishofen stammenden Pfarrer Sebastian Kneipp erinnert. Für das transzendentale Wohl könnte das Kruzifix mit vergoldetem Jesus zuständig sein. Und für Fahrradreparaturen ist eine Werkzeugstation aufgestellt.


Danach wird bei sanftem Anstieg ein Waldgebiet durchquert, an dessen östlichem Hang die Siedlung Rotis liegt. Hier erwarb Otl Aicher 1972 die aufgegebene Mühle und verlegte seine Design-Firma von Ulm dorthin. Noch heute sind die in moderner Holzarchitektur errichteten Büro- und Unterbringungsräume zu sehen. Von den auf Ständern – dem von Aicher bewunderten Vorbild Le Corbusier folgend – errichteten Büroräumen wird berichtet, dass die Mitarbeiter im Winter Moon Boots und im Sommer kurze Hosen trugen … . Wie wäre es mit mehr „Bauhaus“ – „form follows function“?
Die Zeit dieses Design-Zentrums scheint längst vorüber zu sein. Immerhin: An Rotis erinnert die in den 1980er Jahren von Otl Aicher entwickelte, gleichnamige Schriftenfamilie, die auch für das Stadtdesign von Isny verwendet wird. Und wer heute auf das Sparkassen „S“ schaut, der betrachtet gleichfalls eine graphische Arbeit von ihm.


Im Südosten fällt der Blick auf die „Adelegg„, ein mit intensiver Forstwirtschaft genutztes Waldgebiet, das die Umgebung erheblich (tw. um 400 m) überragt. Und am Horizont sind – bei Abfahrten von den zahlreichen Hügeln – die Alpengipfel zu sehen.

Leutkirch hat eine kleine Altstadt zu bieten mit zahlreichen gastronomischen Betrieben.





Sonntag, 04.05.2026: von Wangen nach Weingarten und zurück über Ravensburg (63 km, 750 Hm)
Die Route folgt zunächst dem Donau-Bodensee-Radweg in nördlicher Richtung, um dann in Leupolz westlich in Richtung Vogt zu schwenken und nach Aufstieg in den Altdorfer Wald – und dortigem Queren der Radrunde Allgäu – weiter nach Weingarten zu führen. Auf der Rückfahrt von Ravensburg nach Wangen führt die Route ab Amtzell wieder über die Radrunde Allgäu.
Die erheblichen Höhenmeter dieser Tour entstehen durch die Reliefausrichtung dieser Region, deren Niederungen und Täler meist in nördlicher Ausrichtung verlaufen. Die eiszeitlichen Alpengletscher schoben das Geröll in diese Richtung und ließen die stark wellige Landschaft entstehen. Just jene Moränenstränge werden auf der Route überquert.

Hinter Wangen steigt die Wegstrecke sogleich steil an und bietet dann, beim Zurückschauen, den ersten Alpenblick. Auf diesen Landstraßen sind bei diesem herrlichen Wetter leider auch viele Motorradfahrer mit hoher = überhöhter Geschwindigkeit und nervigem Motorenlärm unterwegs. Dazu finden sich gelegentlich folgende Hinweisschilder: „Motorradunfallstrecke“, deren verhaltensregulierende Wirkung nicht durchgängig einzutreten scheint, was vielleicht damit zu erklären ist, dass diese Raser einen Organspenderausweis bei sich tragen.


Die Route zweigt bald schon auf die fast verkehrsfreien und bestens asphaltierten schmalen Verbindungsstraßen in die Wiesenlandschaft ab. Ungewöhnlich für diese Region: eine Reihe hoher Pappeln entlang der Straße.


Die Ausschilderung in diesem Teil des Allgäus nutzt zwei Konzepte. So werden die Segmente der Radrunde Allgäu und die Radfernwege durch das Allgäu (insbes. Allgäuradweg, Donau-Bodensee-Radweg, Iller-Radweg, Lechradweg, Bodensee-Königsee-Radweg) ausgewiesen, zudem auch die touristisch gleichfalls vermarkteten „Naturschatzkammern“ (inbes. Gartenfreunde und Alpenvorfreude).


In Leupolz führt die Route an einer besonderen Molkerei mit Käserei vorbei. In der Bauernkäserei Leupolz wird seit über sechzig Jahren genossenschaftlich Milch gesammelt und zu Allgäuer Käse verarbeitet. Knapp die Hälfte der verarbeiteten Milch ist sog. Emmentalermilch, die von Kühen stammt, die kein Silofutter erhalten. In einer eigenständigen Produktionslinie werden täglich 12.000 kg Milch, die aus 21 Demeter-Betrieben stammen, zu Heumilch Emmentaler und Bergkäse verarbeitet.


Hinter Vogt geht es stetig bergauf in das Waldgebiet. Nach Überqueren des Kamms des Altdorfer Waldes, auf dem eine Höhe von 750 m ü. NN erreicht wird, lässt es sich immerfort und über viele Kilometer bergab radeln, um in Weingarten dann ca. auf 480 m ü. NN anzukommen.
Weingarten hat ein ungewöhnliches Ensemble zu bieten. An die größte Barock-Basilika nördlich der Alpen grenzen die Gebäude des einstmaligen Benediktinerklosters an, in denen die Pädagogische Hochschule untergebracht ist. Das Fürstengeschlecht der Welfen stammt von hier.

Von Weingarten führt ein schöner Radweg in die größere und mit prachtvoller Architektur ausgestattete Nachbarstadt Ravensburg, in der reges touristisches Treiben herrscht.


Die Ausfahrt aus Ravensburg – und damit die ersten ca. 5 bis 10 km der Rückfahrt nach Wangen – werden per Radwegsbeschilderung neben der stark befahrenen Bundesstraße ausgewiesen. Dieser Abschnitt lässt sich nur zum Teil durch „Umwege“ durch die Wiesenlandschaft vermeiden. Aber die folgenden ca. 20 km sind dann wieder eine herrliche Tour durch die auch hier stark wellige und damit einige Anstiege fordernde und rasante Abfahrten spendierende Landschaft.







Am Montag ging es mit der Bahn auf die Heimreise, noch immer oder wiederum bei herrlich sonnigem Wetter.

Ob wir nochmals wiederkommen in diese fast schon ideale Radlregion? Die offene, hügelige und eher nur inselhaft bewaldete Landschaft bietet Ende April mit den gelb blühenden Wiesen und den weiß blühenden Obstbäumen einen besonderen Genuss für jene Radler, die umherschauen möchten beim Fahren. Für Landschaftsbetrachter und ebenso für Rennradler sind die Wegeverhältnisse geradezu ideal: Die Radfernwege und -rundkurse führen über gut asphaltierte, meist schmale Straßen und Verbindungswege, auf denen nur wenige KfZ unterwegs sind.
Allenfalls die zu den Wiesenmahdzeiten eifrig mähenden, graswendenden und abtransportierenden landwirtschaftlichen Fahrzeuge veranlassen zu Überholstops auf den schmalen Verbindungsstraßen. Dieser Maschineneinsatz deutet allerdings auch auf ein ökologisches Problem hin. Vielleicht wundert sich der Radler beim Durchqueren der Wiesen, dass es meist nur wenige Blühpflanzen sind, die Ende April die Wiesen färben und die nach der ersten Mahd verschwunden sind.
Intensive Wiesenbewirtschaftung ist nicht nur an der erheblich reduzierten Artenmenge der Blühpflanzen zu erkennen. Man riecht sie auch, denn aus den mittlerweile häufiger errichteten Laufställen wird die Gülle auf die Wiesen ausgebracht. Die über den Winter gesammelte Menge ist erheblich und kann erst nach der ersten Mahd Ende April als organischer Dünger entsorgt werden. Das Aufwachsen von Blühpflanzen wird erheblich beeinträchtigt, weil die eingesäten Nutzgräser aufgrund der hohen Nitratzufuhr durch Gülle/Kunstdünger sehr rasch aufwachsen und die Blühpflanzen verschatten.
Vielfältig bunt blühende Wiesen gab es früher (vielleicht bis zum Ende des 19. Jhs), als nur ein oder zwei Mahdschnitte im Jahr für die Heugewinnung unternommen wurden und jedenfalls keine massive Düngung der Wiesen stattfand. Die erste Mahd fand eher im Juli statt, als schon viele Blühpflanzen emporgekommen waren und ihre Samen abgegeben hatten. Auch die Wiesenbrüter wie z.B. die Lerchen hatten sich ungestört vermehren können. Zudem war die Schnitttechnik Handarbeit mit der Sense oder später das gezogene Balkenmähwerk, das den Insekten wenig zusetzte. Moderne Kreiselmähwerke fungieren hingegen wie Insektenhäcksler.
An die einstmals sehr bunten Allgäuer Wiesen erinnern heute nur noch jene in den sommerbeweideten, hochgelegenen Alpen (Almen) und die Tradition der Streuwiesen, die mangels ackerbaulich anfallenden Strohs als Schnittgut die Einstreu für die winterliche Stallhaltung des Milchviehs lieferten. Die kleinen Höfe hielten vielleicht ein Dutzend Milchkühe im Stall, meist in Anbindehaltung, was heute als mindere, weil das Tierwohl reduzierende Haltungsform eingestuft wird.
Moderne Milchwirtschaft im Allgäu walzt und düngt die Wiesen und erwartet mit fünf Schnitten pro Jahr eine im Vergleich zu den früheren Epochen sehr große Futtermenge, die eher als Sillage und selten als Heu gelagert wird. Für die Landschaftsradler ist auch das Bild von „nur“ grünen, wie eine samtene Oberfläche über die Hügel erstreckten Wiesen ein Genuss.
Die Ökologie muss darauf hinweisen, dass sich all dies in einer Kulturlandschaft ereignet, die hier im Allgäu erst in der Mitte des 19. Jhs geschaffen worden ist. Ohne die Einführung der Milchwirtschaft wäre diese Region damals noch mehr verarmt. Und ohne die heutige Wiesenwirtschaft würde die so eindrucksvolle offene bis halboffene Landschaft des Allgäu der Sukzession gehorchen und zunächst mit Buschwerk und sodann mit Bäumen zuwachsen, die kaum mehr die weiten Ausblicke zuließen. Landwirtschaft ist hier somit auch Landschaftspflege und gewährleistet die Verhinderung von „Naturlandschaft“.